Dolmetscherin im Gemeinwesen

Seit Anfang 2022 ist Hebah Alhaj als Koordinatorin bei dem Projekt „Stadteilmütter‟ in Hamburg-Altona fest angestellt. Damit arbeitet sie nun selbst für die Initiative, die sie von Beginn an auf dem Weg ins Berufsleben begleitet hat. 

Vor vier Jahren kam sie zu „Treffpunkt Beruf“, der „Stark im Beruf“- Kontaktstelle der Diakonie Hamburg und konnte mit dieser Unterstützung den oft nicht einfachen Weg in den deutschen Arbeitsmarkt gehen. Ursprünglich stammt Frau Alhaj aus Damaskus, wo sie 1998 geboren wurde. 

Im Jahr 2012 wurde ihr Mann verhaftet, und nach seiner Freilassung musste die Familie das Land unverzüglich verlassen. Über die Zwischenstation Ägypten kamen sie nach Europa, zuerst nach Österreich und schließlich nach Hamburg. Vermittelt durch „Stark im Beruf‟ und die Stadtteilmütter, qualifizierte sich Frau Alhaj 2020 mit einer Qualifizierung für „Dolmetschen im Gemeinwesen“ weiter, parallel zu ihrer Arbeitsstelle, abends und am Wochenende. 


Liebe Frau Alhaj, Sie leben heute mit Ihrer Familie in Hamburg. Wie sind Sie hierhergekommen?

Wir hatten von einem Freund in Deutschland eine Empfehlung bekommen. Wir konnten nicht in Syrien bleiben, da mein Mann 2012 vom syrischen Geheimdienst verhaftet worden war. As er freikam, mussten wir das Land sofort verlassen. Erst sind wir nach Ägypten gegangen und ach einiger Zeit über das Meer nach Europa geflohen, mein Mann, meine Tochter und ich. Sie war damals viereinhalb Jahre alt. Nach Hamburg kamen wir Ende Juni 2014. Hier ging alles sehr schnell, aber es war für uns trotzdem nicht einfach. Innerhalb von drei Monaten wurden wir als Flüchtlinge anerkannt. Zuerst kamen wir in einem Flüchtlingsheim unter und später in einer Wohnunterkunft. Aber dann wurde mein Gesundheitszustand durch meine Schwangerschaft schlechter. Mein Arzt gab mir ein Attest, und so gelang es uns 2015, nach der Geburt unseres zweiten Kindes, eine eigene Wohnung zu bekommen. 

Kommen wir zu Ihrem beruflichen Werdegang in Syrien. Welche Ausbildung haben Sie gemacht? 

Ich habe englische Literatur studiert und erfolgreich abgeschlossen. Danach habe ich gearbeitet, unter anderem in der Verwaltung eines großen Einkaufszentrums in Damaskus.

Hatten Sie je Deutsch gelernt, bevor sie herkamen?

Ja, und zwar zufälligerweise. Deutsch war neben Englisch meine zweite Fremdsprache. Wir sollten im zweiten und dem dritten Jahr des Studiums eine weitere Sprache lernen. Da habe ich Deutsch gewählt. Ich hätte nie gedacht, dass ich in Zukunft wirklich Deutsch reden würde. 

Wie gelang Ihnen der Einstieg in Deutschland?

Zunächst wurde ich schwanger. 2015 kam unser zweites Kind zur Welt und ich blieb zwei Jahre mit ihm in Elternzeit. Mit den Sprachkursen konnte ich dann erst 2017 anfangen. Danach habe ich mich sofort ehrenamtlich bei den Stadtteilmüttern der Diakonie in Hamburg-Altona engagiert. Stadtteilmütter haben selbst eine Migrationsgeschichte, sprechen gut Deutsch und sind dafür geschult, zugewanderte Frauen ehrenamtlich im Integrationsprozess zu begleiten. 

Wie haben Sie von dem Projekt „Stark im Beruf“ erfahren?

Ich davon zuerst von einer Freundin gehört. Sie arbeitet auch ehrenamtlich in Hamburg und konnte mir alle diese Infos über Angebote bei der Diakonie Hamburg geben. So habe ich die „Stark im Beruf“-Kontaktstelle gefunden, welche „Treffpunkt Beruf“ heißt. Als Stadtteilmutter habe ich an der Schulung „Berufe-Koffer“ teilgenommen, eine Schulung zu möglichen Berufsperspektiven. Auch meine erste Tätigkeit habe ich durch “Stark im Beruf“ gefunden. Und von dem Qualifizierungskurs „Dolmetscher im Gemeinwesen‟ habe ich von Ninja Foik, der Projektleiterin, erfahren. Sie war bei „Stark im Beruf‟ meine wichtigste Ansprechperson.

Wie kamen Sie zu der Dolmetscher-Schulung?

Angefangen habe ich mit Deutschkurs B2, danach kam C1. Das lief alles parallel zum Ehrenamt. 2020 hat Ninja die Information über die Qualifizierung gesehen und an mich weitergeleitet. Dann hat sie mir bei der Bewerbung geholfen, und ich bekam als Nachrückerin einen Platz. So konnte ich den Kurs zur Dolmetscherin machen und habe den auch erfolgreich abgeschlossen.

Was hat Ihnen im Projekt “Stark im Beruf“ am meisten geholfen? 

Ganz wichtig ist das Gefühl, dass immer jemand zur Unterstützung da ist. Frau foik war immer erreichbar, und ich konnte sie immer alles fragen. Sie wußte auch, wohin mein Weg gehen sollte. Dafür bin ich sehr dankbar.  

Frau Foik hat Frau Alhaj zum Interview begeitet. Sie hat Hebah Alhaj auf ihrem Weg begleitet und es ist ihr wichtig zu betonen, dass auch hoch qualifizierte Frauen Unterstützung brauchen: „Frau Alhaj ist so eine hervorragende Person und sie hat so viel gemacht und trotzdem viele Absagen bekommen. Gerade bei Hochqualifizierten mit guten Deutschkenntnissen ist der Einstieg nicht so einfach. Es gibt schöne Ergebnisse, aber es Menschen, die noch nicht dastehen, wo sie stehen sollten.“

Wie haben Sie ihre jetzige Anstellung gefunden?

Meine erste Stelle bekam ich 2021 als Verwaltungskraft bei der ZAA (Zentrale Anlaufstelle Anerkennung der Diakonie Hamburg). Seit Anfang dieses Jahres arbeite ich Koordinatorin bei dem Projekt „Stadteilmütter‟ in Altona. Ehrenamtliche Stadtteilmütter helfen den neu angekommenen Familien, die nicht so gut Deutsch können, die erste Phase besser zu überstehen. Wir begleiten sie zu Ärzten oder zum Jobcenter, auch zur Schule, zur Kita. Wir helfen ihnen zum Beispiel auch, Formulare und Anträge auszufüllen, und übersetzen Briefe, damit sie leichter einen Kitaplatz oder Sprachkurse finden. Es wird viel in der Muttersprache gearbeitet, deshalb betreue ich vor allem arabischsprechende Stadtteilmütter und Familien. 

Welche Wünsche haben Sie für ihre Zukunft?

Ich wünsche mir, dass mein Deutsch noch besser wird. Ich würde gerne als richtige Dolmetscherin arbeiten, aber das ist ein langfristiges Ziel. Ich würde sehr gerne die Vereidigung machen, aber zu einem späteren Zeitpunkt. Zuerst einmal möchte ich bei den Stadtteilmüttern weiterarbeiten.