Eine Juristin aus Donezk beim Berliner Senat.

In ihrer ostukrainischen Heimatstadt Donezk hatte sich Natascha Petrow* als erfolgreiche Juristin ihre eigene Notariatskanzlei aufgebaut. Zusätzlich zum Diplom der Rechtswissenschaft hatte sie zwei weitere Abschlüsse erworben, in Wirtschaftsrecht und Psychologie.

Dann brach 2014 der Krieg im Osten des Landes aus und Frau Petrow entschied sich, mit ihrem Sohn und ihren Eltern nach Deutschland zu gehen. Ihre Universitätsabschlüsse wurden zwar teilweise anerkannt, dennoch konnte sie in Deutschland nicht als Anwältin praktizieren. Mit Unterstützung des „Projekt MUMM 2.0 – Mutter und Migrantin. Motiviert!“ im Rahmen des ESF Bundesprogramms „Stark im Beruf“ gelang Frau Petrow die berufliche Umorientierung.

Heute arbeitet sie als Sachbearbeiterin mit abgeschlossenem Hochschulstudium in der Berliner Senatsverwaltung. Wie sie ihren Weg fand und was ihr dabei geholfen hat, erzählt Natascha Petrow im Interview.

Liebe Frau Petrow, wie sind Sie und Ihre Familie nach Deutschland gekommen?

Bei uns in Donezk gab es bereits 2014 eine Kriegssituation. Im Jahr 2016 bin ich zusammen mit meinem Sohn und meinen Eltern aus der Ukraine ausgereist und kam direkt nach Berlin.

Wie haben Ihnen Ihre Ausbildung und Ihre Berufserfahrungen geholfen?

Meine juristischen Vorkenntnisse haben mir sehr geholfen, um mich hier in Deutschland zu orientieren. Trotzdem musste ich hier alles von Anfang an neu aufbauen. Ich hatte in der Ukraine eine mehrjährige Berufserfahrung. Nach dem Jurastudium habe ich sieben Jahre in einem großen Unternehmen die Rechtsabteilung geleitet. Mit 29 Jahren hatte ich meine eigene Notariatskanzlei. Zusätzlich hatte ich ein weiteres Studium im Fach Wirtschaftsrecht gemacht und mit Diplom abgeschlossen. Danach habe ich als Notarin gearbeitet und noch ein drittes Diplom in praktischer Psychologie gemacht.

Das ist eine beeindruckende Karriere. Wurden all Ihre Abschlüsse in Deutschland anerkannt?

Mein Hochschulabschluss in Rechtswissenschaft ist als gleichwertig anerkannt, aber Rechtsberufe sind reglementiert, und deswegen kann ich nicht einfach als Anwältin im deutschen Rechtssystem tätig sein.

Wie ging es dann für Sie weiter?

Ich wollte das juristische Arbeiten nicht aufgeben. Deswegen habe ich mich auf die Suche nach Berufswegen und Einstiegsmöglichkeiten gemacht, bei denen ich meine Jura Vorkenntnisse und meine Berufserfahrung weiter nutzen kann. Dabei habe ich herausgefunden, dass es in Berlin einen Mangel an Fachkräften gibt. Also kam bei mir der Wunsch auf, in der Berliner Verwaltung zu arbeiten. Sie ist ein sicherer Arbeitgeber und auch mit Familie gut zu verbinden.

Wie haben Sie das von „Stark im Beruf“ geförderte Projekt „MUMM 2.0 – Mutter und Migrantin. Motiviert!“ gefunden?

Als ich mein deutsches Sprachdiplom erhalten hatte, brauchte ich Unterstützung für meine weiteren Pläne. Ich habe im Internet recherchiert, um Hilfe für Akademikerinnen zu finden. So bin ich auf das Projekt MUMM gestoßen. Dort habe ich Martina Pohl, die Projektmitarbeiterin kennen gelernt und wir haben uns sofort gut verstanden. Da habe ich beschlossen an MUMM teilzunehmen.

Wie haben Frau Pohl und das Projekt MUMM Sie unterstützt?

Ich habe die wichtige Entscheidung getroffen trotz meiner Hochschulab schlüsse eine Umschulung zur Verwaltungsfachangestellte zu machen. Aber für eine Umschulung war ich formal überqualifiziert, das Jobcenter wollte das zunächst nicht bewilligen. Hier war die Unterstützung von MUMM sehr wichtig. Auch in der Praktikumszeit während der Umschulung hatte ich Frau Pohl als Ansprechpartnerin und sie hat mir mit den Unterlagen und dann mit der Bewerbung viel geholfen. Das war eine ganz praktische und wertvolle Zusammenarbeit! Ich kann sagen, dass ich bei dem Coaching immer das Gefühl hatte, dass sie mich verstanden hat. Sie hat meine Gedanken und Ideen wiederholt und auf Deutsch gesagt, das war ganz wichtig für mich. Ich muss auch sagen, dass es für alle Teilnehmerinnen in meiner Gruppe eine sehr gute Erfahrung war. Wir waren eine multikulturelle und inspirierende Gemeinschaft, da alle Frauen auch Akademikerinnen und Mütter waren und sind. Wenn du selbst Hilfe und Unterstützung brauchst, hilft es sehr, mit anderen Leuten zusammen zu sein, die die gleichen Ideen und Probleme haben, auch wenn sie alle aus ganz unterschiedlichen Ländern kommen.

Wie gelang es Ihnen, den weiteren Weg in den Beruf zu finden, und was machen Sie heute?

Die Umschulung zur Verwaltungsfachangestellten habe ich abgeschlossen. Bis September 2021 lief die Umschulung und seit November arbeite ich in der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales fest angestellt. Ich bin zuständig für die Sachbearbeitung im Bereich der Dienstaufsicht über die Gerichte für Arbeitssachen insbesondere für Angelegenheiten des richterlichen Personals des Arbeitsgerichts Berlin Brandenburg. Das ist ein sehr breiter Bereich, der zum Beispiel Rechtshilfe und die Bekämpfung von Schwarzarbeit umfasst. Das hat viel mit Jura zu tun und das freut mich sehr. Und ich bin immer noch mit Frau Pohl in Kontakt und teile jeden Erfolg mit ihr. Ich habe sie immer angerufen und ihr mitgeteilt, wenn ich etwas erreicht habe, wenn ich eine Prüfung bestanden habe oder zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Ich fühle mich auch heute als Teil der MUMM Familie.

 

*Name durch die Redaktion geändert