"Geh einfach hin!"

Foto: Fotostudio Celebi

Ein Interview mit Faten Basheer, die durch "Stark im Beruf" ihren Weg in den Job fand

Faten Basheer floh Ende 2015 gemeinsam mit ihrer Familie aus dem Irak nach Deutschland. Mitnehmen konnte sie nur ihren Reisepass und die Kleider, die sie trug. Sie war damals 32 Jahre alt, verheiratet und hatte zwei Kinder. Aufgewachsen ist sie in der nordirakischen Millionenstadt Mossul, wo sie zur Schule ging und ihr Science-Abitur machte. Die einzigen Worte, die Faten Basheer bei ihrer Ankunft in Deutschland auf Deutsch sprach waren „Guten Morgen“.
Auf eigene Initiative fand Frau Basheer den Weg zur „Stark im Beruf“-Kontaktstelle beim Zentrum Arbeit und Umwelt - Gießener gemeinnützige Berufsbildungsgesellschaft mbH (ZAUG gGmbH). Mit der Unterstützung der Projektmitarbeiterin Frauke Voigt bewarb sie sich um einen Ausbildungsplatz als Medizinische Fachangestellte. Heute ist sie am Universitätsklinikum Gießen fest angestellt.

Frau Basheer, wie verlief der Anfang in Deutschland?

Mit subsidiärem Schutz konnte ich ab 2017 anfangen, mich zu bewerben. Damals dachte ich, dass ich alles komplett falsch mache, denn ich wusste nicht, wie man eine Bewerbung schreibt oder einen Lebenslauf vorbereitet. Ich wusste nichts, ich hatte keine Ahnung. All das gab es bei uns im Irak nicht. Es ist selten, dass Frauen bei uns arbeiten müssen. Hier in Deutschland wollten sie unbedingt Schulzeugnisse haben. Ich konnte aber nicht belegen oder beweisen, dass ich irgendetwas in meiner Heimat gelernt habe und ein Science-Abitur habe. Die wollen so jemanden wie mich nicht, war mein Eindruck. Zum Glück fand ich ehrenamtliche Lehrer, die mich in ihren Deutschkurs aufnahmen. Danach habe ich Praktika in unterschiedlichen Bereichen gemacht.

Wie sind sie auf „Stark im Beruf‟ gestoßen?

Ich habe nur geweint die ganze Zeit und dann gleichzeitig auch im Internet recherchiert. Ich habe einfach gesucht: „mit 35 eine Ausbildung‟, „Arbeit mit 35‟. Und da habe ich diese drei, vier Buchstaben ZAUG* gefunden. Erst wusste ich überhaupt nicht, was das ist. Und dann habe ich da direkt angerufen und einen Termin bei der Projektmitarbeiterin Frau Voigt gemacht. Sie hat mich danach die ganze Zeit begleitet. Wir haben zusammengearbeitet und nach einem Ausbildungsplatz gesucht.

War es denn schwierig, einen Platz für die Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten zu finden?

Ich war total überfordert, weil ich die ganze Zeit nur Absagen bekommen habe. Und die Absagen begannen immer so: „Sehr geehrter Herr Basheer.‟ Das bedeutet, dass sie die Unterlagen nicht einmal angeschaut haben.
Ich habe überall gesucht, nur nicht bei uns in Linden. Und dann hat Frau Voigt nach vielen Absagen auf einmal gesagt: „Bitte, bewerbe dich dieses Mal nicht online. Geh einfach hin. Die sollen dich dort sehen.‟ Das hat mich gerettet, dass sie gesagt hat: „Geh einfach hin!‟
Also habe ich meine Unterlagen mitgenommen und bin hier um die Ecke zu einer Arztpraxis gegangen. Erst habe ich mich nicht getraut. Für mich war das sehr schwer. Aber irgendwann habe ich mir gesagt: ich muss es probieren. Ich habe mich bei der Anmeldung gemeldet und habe dann wie alle im Wartezimmer gewartet. Dann wurde ich aufgerufen, kam rein und habe dem Arzt gesagt: „Ich bin keine Patientin. Ich möchte mich bei Ihnen bewerben.‟ Ich habe mich hingesetzt und ihm die Unterlagen gegeben. Er hat das nur so grob angeschaut. Ich war die ganze Zeit so aufgeregt.
Er schlug vor, dass ich für drei Tage zum Arbeiten auf Probe komme. Ich habe „ja‟ gesagt und zugestimmt. Nach drei Tagen Probe hat er gesagt: „Gut, ich melde mich.‟ Zwei Tage danach haben wir den Vertrag unterschrieben. Die Ausbildung ging im Sommer 2019 los.

Haben Sie die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen?

Im zweiten Lehrjahr habe ich den Betrieb gewechselt und mich an der Augenklinik des Uniklinikums Gießen beworben. Es brauchte nur eine Bewerbung. Ich habe mich an einem Samstag um elf Uhr beworben, und direkt am Montag kam die Einladung zu einem Vorstellungsgespräch. Und ich habe den Ausbildungsplatz bekommen. Für mich war das eine Überraschung. Ich glaube, durch mein gutes Zeugnis hat sich etwas geändert. Das Schulzeugnis vom ersten Lehrjahr war sehr gut, überall Einsen. Ich hatte nicht viele Papiere, nur das Zeugnis vom ersten Lehrjahr. Aber das erzählte alles.
Dann hat meine Klassenlehrerin vorgeschlagen, dass ich die Ausbildung verkürze – als Einzige in der Klasse. Wegen guter Leistung durfte man die Ausbildung verkürzen und die Prüfung vorziehen. Sie hat mich gefragt, ob ich das überhaupt machen möchte. Die schriftliche Prüfung war dann Anfang Dezember 2021 und die praktische Mitte Januar 2022. Ich habe sie mit einer „2“ bestanden.

Wie haben Sie all das mit Ihrer Familie unter einen Hut bekommen?

Ich musste immer nach der Arbeit direkt nach Hause kommen. Zuerst kochen, sauber machen, und direkt anfangen zu lernen. Und wenn das nicht funktioniert hat, weil ich müde war - wir mussten ja in der Klinik so viel im Stehen arbeiten, und manchmal komme ich dann eben müde nach Hause - dann habe ich das so gemacht, dass ich am Wochenende um 5 Uhr wach war und in der Küche gelernt habe. Ich habe eine so kleine Wohnung, zwei Schlafzimmer und ein Wohnzimmer und die Küche. Ich musste also in der Küche lernen. Aber es hat so viel Spaß gemacht. Es ist ganz anders, wenn man mit 38 die Schule besucht, statt mit 16. Ich war die Oma in meiner Klasse.

Haben Sie nach der Ausbildung gleich eine Arbeit gefunden?

Ja. Die Augenklinik wollte mich behalten, aber sie hatten keine Stelle frei. Dann habe ich mich an der Uniklinik beworben. Ich finde die Arbeit in einem großen Betrieb attraktiver. Man hat mehr Rechte, man hat einen Betriebsrat, man hat mehr Geld. Man hat die Möglichkeit, seinen Urlaub frei auszuwählen, am Wochenende oder in den Sommerferien.

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Ich wünsche mir, dass ich irgendwann auch in Deutschland studieren kann. Das ist mein Traum. Ich habe in einem kleinen Buch notiert, was ich in diesem Land noch machen möchte. Ich möchte sooo gerne studieren.

Für Ihre Pläne wünschen wir Ihnen alles Gute. Vielen Dank für das Gespräch!