„Es ging um meine Zukunft und um die meiner Familie“

© Cornelia Kurz

Seit vier Jahren lebt Shamla Stanakzai nun in Landsberg am Lech in Bayern. Derzeit macht sie eine Ausbildung als Fachinformatikerin für Systemintegration bei einem IT-Unternehmen im nahe gelegenenKaufering. Auf dem Weg zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit wurde sie durch die „Stark im Beruf“-Kontaktstelle beim AWO-Mehrgenerationenhaus Landsberg am Lech, unter der Leitung von Betina Ahmadyar, ganz entscheidend unterstützt.

Aufgewachsen ist die heute 38 Jahre alte Mutter eines Sohnes in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Dort gehörte sie als Tochter eines Arztes zur aufstrebenden Mittelschicht. Sie besuchte ein Gymnasium und erlangte die Hochschulreife. Anschließend studierte sie Informatik und schloss ihr Studium mit dem Bachelor of Science ab.

Die Wiederkehr der Taliban machte ihre Zukunftspläne zunichte. Im heutigen Afghanistan hätte sie kaum eine Möglichkeit, als Frau ein freies Leben zu führen oder gar selbstständig zu arbeiten. Nach und nach verließ ihre Familie das Land. Als Erster sah sich ihr Vater, der als Kinderarzt bei der afghanischen Armee beschäftigt war, vor knapp zehn Jahren gezwungen, seiner Heimat den Rücken zu kehren. Als die Lage sich weiter verschlechterte und die Taliban immer größere Teile des Landes unter ihre Kontrolle brachten, sah auch Shamla Stanakzai keinen anderen Ausweg als die Flucht.

Ende 2017 floh sie mit ihrem damals zweijährigen Sohn über die Türkei nach Deutschland. Ihr Mann musste damals zunächst in Kabul bleiben. Mittlerweile ist auch ihm die Flucht gelungen, sodass die Familie im fernen Bayern wieder vereint ist.

Nicht nur die Angst um ihr eigenes Leben, sondern auch die Sorge um die Zukunft ihres Sohnes hat Shamla Stanakzai zu der Entscheidung bewogen: „Wir haben uns wegen unserer Zukunft und der Zukunft meines Sohnes entschieden, damit er etwas studieren und eine gute Arbeit finden kann. Am wichtigsten ist es, als guter Mensch in einer guten Gesellschaft aufzuwachsen.“

Am Anfang verlief die Integration alles andere als einfach. Eine eigene Unterkunft zu finden, erwies sich als eine besonders große Herausforderung. Knapp ein Jahr lang lebte sie mit ihrem Sohn zusammen mit einer sechsköpfigen Familie aus Tansania in einer Gemeinschaftswohnung. Schließlich gelang es ihr, eine eigene Wohnung zu mieten. Bald darauf fand sich auch ein Kitaplatz.

Lange unklar blieb indessen ihre berufliche Zukunft. Zwar wurden ihre Zeugnisse aus Afghanistan anerkannt, aber ihre Kenntnisse aus dem Studium entsprachen kaum den Anforderungen in Deutschland. Dazu kamen die Schwierigkeiten, eine fremde Sprache erlernen zu müssen. An dieser Stelle knüpfte das Projekt „Stark im Beruf“ an. Bei der Suche nach einem Deutschkurs wandte sich Frau Stanakzai an das Deutsche Rote Kreuz (DRK). Dort machte eine Mitarbeiterin sie auf die von Betina Ahmadyar geleitete „Stark im Beruf“-Kontaktstelle „AWO-Mehrgenerationenhaus“ aufmerksam. Dank der Förderung durch das ESF-Bundesprogramm kümmert sich die Kontaktstelle darum, Frauen bei der Integration und dem Einstieg ins Berufsleben zu unterstützen.

Die Kontaktstelle von „Stark im Beruf” vermittelte Shamla Stanakzai den Zugang zu einer Reihe aufeinander aufbauender Kurse und weiterer Fortbildungen. Am 1. Juni 2019 begann sie mit ihrem ersten Deutschkurs, dem sich ein weiterer auf dem Niveau B2 anschloss. In weiteren Modulen und Gruppenkursen ging es darum, ein soziales Gefüge zu schaffen, sich mit anderen Müttern in einer größeren Gruppe auszutauschen, Selbstvertrauen zu gewinnen und die eigenen Kompetenzen zu stärken. Im Einzelcoaching konnte sie ihre Stärken und Kenntnisse besser erkennen, ihre beruflichen Wünsche formulieren und wurde gestärkt für ihre weiteren beruflichen Ziele. Die letzte Sprachprüfung bestand Frau Stanakzai Ende Februar 2021. „Hier bei ‚Stark im Beruf‘ habe ich viele Frauen kennengelernt und auch ganz gut Deutsch gelernt. Es war sehr hilfreich, um einen Job zu finden.“

Im Verlauf der Zeit bei der Kontaktstelle „AWO-Mehrgenerationenhaus“ entstand ein Kontakt zu einem weiteren in Landsberg angesiedelten Projekt namens „Frau im Beruf“. Dort besuchte Frau Stanakzai zuerst einen viermonatigen Kurs, um ihre in Afghanistan erworbenen EDV-Kenntnisse aufzufrischen und auf den neuesten Stand zu bringen. Es folgte ein Praktikum bei einem IT-Unternehmen in Kaufering, das ihr schließlich die Ausbildung anbot. Im August 2023 wird Shamla Stanakzai dort ihre Ausbildung abschließen.

Ihr Mann hat während dieser Zeit ebenfalls eine „berufliche Heimat“ gefunden. Er betreibt seit November letzten Jahres ein Lebensmittelgeschäft in München. Damit ist die dreiköpfige Familie nun in der Lage, auf eigenen Füßen zu stehen und ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.

Wenn Shamla Stanakzai an Afghanistan zurückdenkt, dann vermisst sie am meisten ihre Freundinnen. Aber allein der Gedanke, dass sie dort weder selbst Auto fahren noch arbeiten dürfte, dass sie nur in Burka gekleidet das Haus verlassen könnte, bestätigt sie in ihrer Entscheidung, nach Deutschland gekommen zu sein. „Bei uns gab es nicht so viele Möglichkeiten für Frauen, sich weiterzuentwickeln. Besonders mag ich die gute Arbeitsatmosphäre hier. In Afghanistan ist das nicht so. Selbst wenn eine Frau in einem Büro arbeitet, fühlt sie sich nicht so sicher.“ Umso glücklicher schätzt sie sich, selbstbestimmt ihr eigenes Leben führen zu können und für die Zukunft ihres Sohnes gesorgt zu haben. Er soll in einer freien Gesellschaft aufwachsen und die besten Chancen für seine Bildung und Zukunft erhalten.